· 

Welcome to America

Ich, 67 Jahre alt, bin seit gestern, dem 28.03.2019, mit Peter in Amerika! Zum ersten Mal. Die Meisten von euch waren da schon, mehrmals. Ich wollte immer mal nach Amerika... wer will das nicht – obwohl im Moment? Und mein Englisch ist miserabel. Ich dachte, im Alter ist das Langzeitgedächtnis hervorragend – und Englisch hatte ich mal vor ca. 50 Jahren gelernt. Ist aber nicht so. Dass das Kurzzeitgedächtnis sehr nachlässig ist, kann ich dagegen bestätigen. Ich lerne regelmäßig Wörter und die fallen aus meinem Kopf heraus. Aber der amerikanische Alltag lässt nicht los, was ja auch gut ist.

Ich glaube die Einreise ist mit Wohnmobil eine andere als mit dem Flieger. Wir sind etwas aufgeregt, weil uns viele Informationen zugegangen sind was man tun muss und besser sein lässt - vor allem gegenüber der Polizei: Beim Anhalten keine ruckartigen Bewegungen, Hände immer sichtbar oben, bei der Autokontrolle sich entfernen usw... 

Unsere Lockerheit schwindet dahin! 

Der kleine Grenzort Presidio/Texas ist uns gerade recht für den Grenzübertritt. 

Ausreise aus Mexiko ist kein Problem, jetzt geht’ in die USA. Noch steht keine Mauer.

An der ersten Kontrollstation steht rechts ein Polizist mit schussbereiter Waffe und links bei Peter ein sehr blasser und angestrengter Polizist. Dann weiter in die Autoschlange zum eigentlichen Grenzübergang. Nach der zweiten Passkontrolle und computermäßigen Aufnahme aller Daten werden wir auf die „Lane 4“ geschickt. Wir sollen beim Auto bleiben und warten. Dann muss Peter aussteigen und ich soll auch mitkommen. Es stehen 5 Polizisten vor mir. Vier Polizisten steigen ins Auto bzw. ins Womo, einer beschäftigt sich mit uns. Peter und ich bekommen abseits einen Platz zugewiesen, wo wir stehen müssen. Wir werden nach Lebensmittel befragt. Darauf hatten wir uns essensmäßig eingerichtet und haben so wenig wie möglich frisches Obst und Gemüse dabei. Wir geben Auskunft. Später bringen die Polizisten Eier, eine Mango und eine Kartoffel mit aus dem Auto. Uns ist völlig unklar, wieso die Tomate, Paprika und Limetten im Kühlschrank bleiben... Es folgt eine Belehrung, dass wir diese Angabe über Lebensmittel bei der zweiten Kontrolle hätten angeben müssen und nun eigentlich eine Strafe von 300 Dollar fällig wäre.... 

Während vier Polizisten in unserem Womo ‚arbeiten’, gehen wir in Begleitung des Officers zur Immigration. Dort soll die Aufenthaltsdauer in den Pass. Der Raum ist voll mit schweigenden Menschen – vorwiegend Mexikaner/innen -, die von „unserem Officer“ erstmal wegen der den Weg versperrende Koffer zur Ordnung gerufen werden. Der Immigrationofficer hat etwas anderes zu tun als uns zu bedienen. Das nervt unsere Begleitung und geht wieder geht mit uns raus, sieht dass die Kollegen mit der Kontrolle unseres Womo’s fertig sind und sagt, wir können fahren. Wie? Weiterfahren? Ohne Aufenthaltserlaubnis, ohne Einreisestempel? Illegal in der USA?

Peter spricht die Officer’s an. Einer versteht das Problem und begleitet und wieder zurück in den voll besetzten Raum der Immigration. Jetzt werden wir bedient: von beiden Händen Fingerabdrücke, Foto für das ich lächeln soll usw.. Wir bekommen ½ Jahr für den Aufenthalt in USA und die Option auf Verlängerung bei Beantragung per Internet.

Mir war schon sehr unangenehm, dass wir jetzt schnell und zügig unsere Einreisegenehmigung bekommen – angesichts der wartenden Menge Menschen. Es hat keiner gemuckt – nicht mal die Kinder, nichts gesagt, niemand gelacht, kein lustiges Geplänkel, kein Hin-und Herlaufen – so was kennen wir aus Mexiko nicht. Die Stimmung ist drückend. Kein Wunder bezüglich der aktuellen politischen Situation.

In Presidio (bzw. in Amerika angekommen), suchen wir uns einen Supermarkt, um unsere Lebensmittelvorräte aufzustocken. Wie erwartet, sind die Preise deutlich höher als in Mexiko. Ein junges Paar in Begleitung zweier Kleinkinder spricht uns in deutscher Sprache an. Nach ihrem Aussehen und der speziellen Kleidung schließen wir, dass sie den Mennoniten zugehörig sind. Später kommen noch Mutter, Vater und Bruder der jungen Frau dazu und es entsteht ein freundliches, deutsches Palaver. Alle sind stolz, dass sie in der Schule Hochdeutsch lernen, aber auch Spanisch und Englisch. Schließlich werden wir in ihr Haus eingeladen, was wir dankend ablehnen, weil wir an unserem ersten Tag in den Staaten noch einiges erledigen möchten.

Außerdem ist uns einiges fremd und wir müssen uns umgewöhnen, bspw. an das Weitläufige, an das Geordnete, an die Art zu Tanken, an Verkehrsschilder, an die Sprache und überhaupt... Kein Wunder haben einige Amerikaner Probleme mit der Andersartigkeit der Mexikaner oder Lateinamerikaner.

In diesem Land sind viele Wohnmobile und Trucks mit Wohnanhänger unterwegs, in unglaublich großen Ausführungen.(irgendwo habe ich gelesen, die amerikanischen Camper seien so groß wie ein Kleinstaat in Afrika!) Um unterwegs flexibel zu sein, führen die Besitzer angehängt Autos mit, die selbst noch mit Fahrädern, oder einem Boot bestückt sind. Ich nehme mir vor, dass ich für euch diverse Modelle fotografiere. Die Auswahl an Übernachtungsplätzen ist groß, aber preislich sehr unterschiedlich – manche richtig teuer. Nun sind wir durch die Erfahrungen der südlichen Ländern nicht sehr verwöhnt und finden auch schon die günstigen oder kostenlose Plätze am Rande der Parks sauber und gut. Es sind immer Toiletten und Mülleimer vorhanden, meist auch Wasser.

Und auf geht’s auf die Straße und in die Parks. Wir kaufen ein Jahresticket für die Nationalparks für 80 Dollar (gültig für 4 Mitreisende!).

Der erste Nationalpark ist Carlsbad Caverns, den größten zugänglichen Höhlen der Erde. Er liegt in der Chihuahua-Wüste bei den Guadalupe Mountains. Es ist nur ein Teil der Höhlen für Publikum zugänglich, aber egal, auch so sind die Formationen aus Stalaktiten (von oben) und Stalakmiten (unten) beeindruckend. Wenn ihr genau wissen wollt, wie sich diese Formationen bilden, empfehle ich euch das Internet. Eine kleine Passage aus einer Infobroschüre will ich euch abschreiben:“ Wo Wasser langsam von der Decke tropft, bilden sich strohhalmähnliche Sinterröhrchen und größere Stalaktiten. Wasser das auf den Boden fiel, bildet Stalakmiten. Manchmal traf ein Stalaktit auf einen Stalakmit und bildeten eine Säule. Vorhänge bildeten sich, wo Wasser von einer schrägen Decke ran.“ Das alles passierte vor über 500 000 Jahren, indem Wasser auf den vorhandenen Kalkstein tropfte und Calcit erzeugt wurde, der sich als Kristalle ablagerte. Und nun schaut euch auf den Fotos an, wie es heute in einigen der Höhlen aussieht. 

In der Zeit von Frühjahr bis Oktober sollen etwa 500 000 Fledermäuse (mexikanische Bulldogfledermäuse) in der Höhle 50 m unter dem Eingang leben. Wir sind zu früh im Jahr und haben keine gesehen oder gehört, was mir ganz recht war. Obwohl es ein irres Spektakel sein soll, wenn sie abends oder nachts in riesigen Schwärmen die Höhle verlassen.

Als Nächstes besuchen wir das White Sands National Monument. Wir sehen eine ungewöhnliche, schneeweiße Dünenlandschaft, von der nur ein kleiner Teil begehbar ist. Sie ist ein Teil des White Sands Raketenversuchsgeländes der USA. Aus Gipsablagerungen entstandene Salzkristalle aus dem Lake Lucero sorgen für kontinuierliche Neubildungen der Dünen. Wir bewegen uns bereits kurz vor 8:00 h zwischen den Dünen und laufen einen Trail von ca. 8 km. Die Sonne ist zwar bereits aufgegangen, aber es weht ein eisiger Wind und uns ist lausig kalt. Andere Menschen sehen wir nur als Punkte in der Entfernung. Um uns herum ist Ruhe, sind schön geformte bis zu 18 m hohen Dünen, in die sich einzelne Pflanzen klammern, im Hintergrund eine Bergkette. Durch den Wind verändern die Dünen ihre Form und wandern in nordwestliche Richtung. Damit sich (einsame) Besucher nicht verirren, sind orange Stäbe als Orientierung vorhanden. 

Weil White Sands ein kleiner (herausgeschnittener) Teil des Raketenerprobungsgelände der US-Streitkräfte ist und der Weg Richtung Las Cruses eh daran vorbei führt, halten wir an dem dazugehörigen Museum, das allerdings sonntags geschlossen ist. Deshalb schauen wir uns auf dem danebenliegenden Freigelände die ausgestellten Raketen und Bomber an. Ok, das ist gruselig und schnell erledigt. Wir wollen weiterfahren. Peter hört ein Zischen aus einem der Zwillingsreifen: Ventil gebrochen, morgen Werkstatt. Und wie heißt es? Ebbes isch emmer

Dreimal „ebbes...“

 

Ebbes, auf hochdeutsch „etwas“ ist nichts Schlimmes. Kommt es aber an einem Tag häufiger vor, darf man den Humor nicht verlieren. Dazu ein Beispiel. Gestern war das Ventil eines Zwillingsreifen verschlissen und die Luft aus dem Reifen gezischt. Heute hat die Reparatur Vorrang. Wir finden in Las Cruses eine Werkstatt “BigOTires“, in der wir freundlich aufgenommen werden. Die Wartezeit verbringen wir im super funktionierenden Internet, nehmen Kontakt mit Zuhause auf, laden Apps runter und Maria holt sich Bücher aus der Bücherei Leinfelden-Echterdingen auf ihr E-Reader. Alles prima. Gegen 12:00 h sind die Reifen fertig montiert, das neue Ventil funktioniert, überall klasse Luft drin. Peter will zahlen, aber das wird abgelehnt, denn wir seien Reisende in ihrem schönen Amerika und sie wünschten uns weiterhin „lots of fun“ in ihrem Land. Na so was, wenn das kein guter Tag wird? Peter hinterlässt einen Tipp und wir bedanke uns sehr, sehr.

Wir erledigen noch diverse Alltagsdinge und fahren gegen zwei Uhr endlich weiter Richtung National Monument Gila Cliff Dwellings, City of Rocks, Silver City (Billy the Kid) .... 

Ab und an müssen wir Tanken. Nicht jede Tankstelle hat Diesel, aber diese „yes“. Wir übersehen die Aufschrift „ high speed“ und stellen uns direkt an die freie Säule. An den Ablauf des Tankens haben wir uns inzwischen gewöhnt: abschätzen wie viel Gallonen in den Tank gehen, umrechnen in Liter, an der Kasse die entsprechende Summe zahlen, zurück zur Zapfsäule, den Zapfhahn in die Tanköffnung stecken und laufen lassen. Das ist der normale Vorgang! Jetzt hat Peter das Problem, dass der Zapfhahn irgendwie zu dick ist und nur schwer in die Tanköffnung zu schieben. Dann macht er ihn auf und es kommt ein großer Schwall Diesel aus dem Tank. Spritzt natürlich überall rum. Ach je. Nach einigen Versuchen ist das Problem klar. Peter schafft es, den Zufluss soweit „runterzuspeeden“, dass ein einigermaßen sinnvolles Betanken möglich wird. Ich nenne jeweils den Fortschritt – 5 Gallonen, 6 Gallonen – und irgendwann ist es geschafft.

Wir bewegen uns weiter in die angegebene Richtung und sehen gegen Abend einen schönen Übernachtungsplatz im National Forest, den wir ansteuern. Er liegt an einem Bach, die grasenden Ziegen lassen sich nicht stören, es gibt Bänke und einen Grill, Toilette und Mülleimer - was will der Mensch mehr. Wir hatten ein paar Steaks gekauft, diese wollen wir mit Salat essen. Während der Essenvorbereitung fällt uns auf, dass sich von einer Bodenklappe der Belag etwas gelöst hat. Und wie immer, wenn es in unserem fahrbaren Haus etwas nicht ganz in Ordnung ist, wird es sofort repariert. Also nimmt Peter den Deckel weg, klebt den Belag, beschwert das Ganze des Haltens wegen und kocht weiter. Er weiß natürlich, dass hinter ihm ein Loch offen ist, in dem sich unsere Lebensmittelvorräte befinden, und passt auf, dass er nicht hineintritt. Nun, ihr könnt es euch schon denken: er tritt hinein, weil er aufs Essenkochen konzentriert ist. Als Oberstes lagen 18 frische Eier im sogenannten Keller, deren Geschlunze sich übergreifend auf die Vorräte verteilt. Meine Mutter hätte gesagt: „ na dann kommst du auch mal zum Frühjahrsputz“. Das haben wir dann auch so gemacht. Geputzt. Na ja, alles nicht so schlimm. Wir essen hervorragend. Fühlen uns wohl und setzen uns mit einem Glas Wein an unser Lagerfeuer, das fröhlich vor sich flackert. Wir reden über Bären, weil Warnhinweise aufgestellt sind, und was wäre wenn... Ich schließe vorsichtshalber die Womotür, obwohl der Bär weder in Sichtweise, noch sonst irgendwie zugegen ist und hocke weiterhin am Feuer. Peter will die Kamera aus dem Womo rausholen uns stellt fest, dass Flüssigkeit fließt! Da stand an der Treppe eine Bierdose, die ich nicht gesehen und mit der Tür eingeklemmt habe. Dosen sind auch nicht mehr so stabil wie früher... Wir wischen...

Ich fasse zusammen: Reifen repariert, einmal Diesel gewischt, den Keller vom Ei befreit und letztlich Bier aus den Ritzen hervorgeholt und getrocknet - mit der Hoffnung, dass es nicht in den Zwischenboden gelaufen ist. 

Für heute reicht’s!!! – wir gehen zu Bett. Morgen gibt’s einen neuen Tag für ebbes isch emmer.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0
Besucherzaehler

Besuche

 

RSS feed