Cuiabá

Die gemeinsame Zeit mit Karin und Horst ist leider beendet und wir fahren alleine Richtung Bolivien weiter. Derzeit stagniert unsere Reise, weil wir in Cuiabá auf Ersatzteile für das Womo warten und Peter eine Ohrenentzündung ausheilen muss. Deshalb werde ich Euch Geschichten aus unserem brasilianischen Alltag erzählen.

 

Die Bodenwellen

 

Bodenwellen gibt es in vielen Varianten, meist sind sie allerdings aus Asphalt und ziemlich hoch, manchmal auch sehr steil. Ihr wisst schon: Ihr fahrt eine Strasse entlang und –wups- ist da eine Bodenwelle. Da gilt es, rechtzeitig abzubremsen, sonst hebt das Auto ab und du donnerst über de Welle. Das kann weh tun... die Geräusche des Autos hören sich auf jeden Fall nicht gut an.

Bodenwelle sind überall da, wo abgebremst werden soll... klar! Und eine gute Methode, Straßenschilder zu sparen und das Tempo gnadenlos zu reduzieren!

Auf Asphaltstraße werden Bodenwellen allerdings doch per Schild angemeldet: Welle in 100 m, Welle in 50 m, Welle... aber nicht immer ist eine Bodenwelle da – manchmal fehlt leider das Schild!Ein Blick zum Straßenrand hilft ebenfalls, denn an Stellen, die zum Langsam fahren zwingen, werden Waren aller Art zum Kauf angeboten!

In der Stadt und wenn viele Fahrzeuge unterwegs sind, ist die Wellenfahrerei sehr lustig, weil sich der gesamte Verkehr wellenartig vorwärts bewegt; wie ein Tausendfüßler, alle hopsen darüber: Mopeds rascher, PKWs ebenfalls, aber die LKWs und z.B. wir mit dem WOMO müssen das Hindernis langsam angehen. Das gibt den Mopeds oder PKWs die Möglichkeit für ein rasches Überholmanöver.

In Wohngebieten und kleinen Ortschaften sind die Hopsabstände besonders eng, was zum Schutze der Bevölkerung sehr sinnvoll ist, denn die Brasilianer holen aus ihren Fahrzeugen raus, was geht!

In großen Städten sehen wir immer wieder Anzeigen, die der Bevölkerung mizzeilen, dass seit 6/4 oder 3 Tagen keine Toten mehr auf dieser Strasse zu verzeichnen sind. Makaber, aber offensichtlich notwendig!

 

Posto

 

Gebrauchsgüter jeglicher Art scheinen in Brasilien ausschließlich mit LKWs transportiert zu werden. Wir haben ein oder zwei Mal Schienen aber keine Züge gesehen. Dafür bevölkern Unmengen von Lastwagen, Trucks, Longvehicel (bis 30m und mehr), Doppelauflieger, Rundhauber und wie sie sonst noch so heißen die Straßen.

Es gibt ein gut ausgebautes Netz von Postos. Postos sind Versorgungsstationen für die LKWs und ihre Fahrer. Hier vereinigt sich alles was der Kapitän (Motorista de Caminhão) so braucht – Tankstelle, Wasser, Toiletten mit Duschen (Ducha), Reifendienst (Borracharia), Wäscherei (Lavanderia), Mechaniker (Mechanico), Restaurante/Churrasceria und nicht zuletzt viel Platz zum Abstellen der Riesentrucks.

Die Postos sind auch für uns eine gute Möglichkeit zum Übernachten und Ver- und Entsorgen. Nicht alle halten ein umfangreich Angebot wie zuvor beschrieben – aber Vieles benötigen wir nicht jedes Mal und mit etwas Glück steht wir sogar unter Bäumen und im Schatten.

Dir Lärmkulisse ist sehr unterschiedlich, je nachdem, welche Trucks um uns herum sind. Beispielsweise lassen LKWs, die Lebensmittel geladen haben, bei dieser Hitze hier endlos die Kühlanlagen laufen. Das kann nachts ganz schön nerven. Geruchsmäßig ist es auch nicht immer einfach, z.B. wenn wir neben einem Viehtransporter landen. Inzwischen haben wir dafür einen Blick (und eine Nase) und suchen lieber weiter nach einem anderen Übernachtungsplatz! Zu Erinnerung: es ist heiß (tagsüber 35-42 Grad), auch nachts, und wir müssen einfach Luft ins Womo lassen.

Postos sind Männerorte! Beeindruckend, wie sie ihre riesigen Trucks beherrschen. Die meisten sind alleine unterwegs und versorgen sich selbst.

Aber es werden auch Fahrer von ihren Frauen und dem Nachwuchs/Babys begleitet werden. Eigentlich eine schöne Sache bei diesen enormen Entfernungen von tausenden Kilometern und tagelangem Fern Sein von der Familie.

 

Wir fühlen uns wohl und sicher in ihrer Umgebung und erleben freundliches Interesse an unserer Situation. 

 

 

Arztbesuch

 

Während der Olympiade brachte das Fernsehen eine Reportage über die Gesundheitsversorgung in Brasilien. Zeitnah las ich zum gleichen Thema einen Artikel in der ZEIT und jedes Mal dachte ich, dass ich in Brasilien nicht krank werden will. Es soll schrecklich sein: überforderte medizinisches Personal, keine Behandlungsmöglichkeiten wegen fehlender Instrumente usw...

Ähnliches erzählte uns ein Schweizer, der seit 8 Jahren in Brasilien lebte, und eine Odyssee hinter sich hatte, bis er eine blutende Wunde an der Hand versorgt hatte.

Nun hat Peter Ohrenschmerzen und die hauseigene Behandlung ist nicht zielführend, nämlich schmerzfreie und hörende Ohren. Er muss zum Arzt.

Im Reiseführer informiere ich mich über die ärztlichen Betreuungsmöglichkeiten. Wir sind immer noch vor den Toren von Cuiabá, eine Stadt mit ca. 600 000 Einwohner.

Peter fragt erst mal das Personal der Churrasceria, was keine einfache Sache auf Portugiesisch ist. Mithörende LKW-Fahrer schalten sich helfend während des Gesprächs ein; es werden Wege auf Smartphone’s gezeigt und verschiedene Routen erklärt. Hinterher herrscht wenig Klarheit, aber wir werden uns am nächsten Tag auf die Suche begeben.

Überraschend packt uns am nächsten Tag einer der Bediensteten in sein Auto und fährt uns zu der nächsten ärztlichen Praxis der öffentlichen Gesundheitsfürsorge. Er bleibt bei uns und hilft bei der Verständigung, in der Praxis obwohl er auch nur portugiesisch spricht.

Wir werden freundlich aufgenommen und in den Wartebereich verwiesen:  

6 Stuhlreihen hintereinander mit Blick auf einen Flachbildschirm und Sendungen, die gesundheitliche Themen behandeln; momentan Übergewicht.

Nach einer erträglichen Wartezeit kommen wir zum Arzt, groß, weißhaarig, nett und sehr interessiert an unserer Reise. Er selbst hat im Behandlungszimmer die komplette Wand hinter sich mit gerahmten Reisefotos aus aller Welt bestückt. Demnach muss er Europa bereist haben, aber auch das südliche und nördliche Amerika. Man ist schon beeindruck, bevor die Behandlung beginnt.

Die Diagnose zu Peters Beschwerden: Entzündung der Gehörgänge und des Mittelohrs. Es werden die Ohren gespült, ein neues Antibiotikum und geeignete Ohrentropfen mit Cortison verschrieben.

Die Behandlung und Medikamenten führen inzwischen zum Erfolg. Peter geht es zunehmend besser. Also können wir in dieser Sache nur Positives berichten.

 

Ausflüge in die Umgebung von Cuiabá

 

Peters Ohrenprobleme haben sich verbessert und wir nutzen die Zeit um Highlights in der näheren Umgebung zu besuchen.

Wir fahren ca. 60 km nördlich in den Parque National da Chapada dos Guimarães und anschließend weiter an den Lago de Manso bis Bom Jardim.

Wir sind froh aus der schwülen und heißen Stadt herauszukommen. Der Weg führt durch eine grüne und hügelige Landschaft. In der Ferne sehen wir eine Gebirgskette mit eine Höhe von ca. 800 m vor uns aufsteigen. Wenn man bedenkt, dass wir in den Anden auf auf Berge bis 7 000 m geblickt haben, ist diese Höhe geradezu lächerlich. Aber aus der Perspektive eine platten Landschaft sind es auch ganz schöne Höhen. Im PN da Chapada dos Gumarães stehen wir oben an der Kante und schauen in ein herrliches Tal hinab. Am Abend sehen wir die Skyline von Cuiabá im schwindenden Sonnenlicht und nachts die Lichter der Stadt, die ein langes Lichterband bilden. Wunderschön! Leider schlecht fotografisch für Euch festzuhalten. Nachts schlafen wir wieder gut, weil die Schwüle einer reinen frischen Luft gewichen ist.

Unser Weg führt uns an den riesigen Stausee des Lago de Manso, an dem wir einen schönen Tag und Nacht verbringen – und weiter nach Bom Jardim. Dort bestaunen wir an einem See die abendliche Rückkehr  hunderter von Reiher - aber vor allem wollen wir Gelbbrust-Aras sehen. Es ist ein riesiges Spektakel.

Wir bewegen uns rechtzeitig zurück nach Cuiabá, dass wir Montag früh, 7:30 h –  Werkstatttermin (!) vorbereitet sind: Tasche für 2 Übernachtungen im Hotel gepackt, Kühlschrank weitgehend leer gegessen, Schmutzwäsche für die Lavanderia usw...

Bis 9:00 h passiert nichts. Allerdings wird der Warteraum immer voller. Geduld ist angesagt. Am späteren Vormittag sind wir irgendwie dran, dann aber auch wieder nicht. Alles braucht Zeit! Die gute Nachricht: die Ersatzteile sind angekommen.

Die schlechte Nachricht: mittwochs ist in Brasilien Feiertag (Allerheiligen) und wir sollen in einer Woche, Montag wieder kommen, dann sei das Auto fertig! Der zuständige Meister sieht mir mein Entsetzen an. Wir machen ihm klar, dass wir solange nicht im Hotel bleiben wollen. Er versichert uns schließlich, dass das Auto bis Freitag fertig ist! Das hoffen wir doch sehr.

Inzwischen sind wir schon „Städter“ geworden. Wir erlaufen uns die Stadt, sitzen zwischen der Bevölkerung und sehen das bunte Volk auf den Straßen. Touristen begegnen uns nicht, die verabschieden sich bereits am Flughafen ins Pantanal.

In der Stadt ist Armut nicht sehr präsent, obgleich im Vergleich zu ländlichen Gebieten gelegentlich gebettelt wird. Die Leute bevölkern die Restaurants, es gibt anspruchsvolle Geschäfte und jede Menge Autos. Augenscheinlich leben hier einige gut bezahlte Menschen, vermutlich aus Handel, Banken/Versicherungen und Verwaltung. Wir bummeln mit viel Zeit in Nebenstraße, sehen schöne Geschäfte, große und kleine Restaurants, Galerien, Parks – und erleben die Vielfältigkeit eines  brasilianischen Alltag. Das heißt auch, dass es verfallene Gebäude, einfache Wohnmöglichkeiten, schlafende Menschen im Park usw. gibt.

Der Kontakt mit der Bevölkerung gestaltet sich leicht (nicht sprachlich) alle sind interessiert. Bspw. läd’ uns ein Künstler, dessen Bild ich vor seinem Haus aufnehme, in sein Haus ein, um uns seine Werke zu zeigen.

Und was mir besonders auffällt: junge Menschen mit Zahnspangen. Bei uns wird den Kids bereits vor der Pubertät die Zahnregulierung angetan. Hier sind es vor allem Männer und Frauen zwischen 20 und 30 Jahre. Ich habe einen Brasilianer, der ein bisschen Deutsch konnte, darauf angesprochen. Er meinte, dass die Eltern wohl nicht genügend auf Zahnpflege geachtete hätten - oder kein Geld für eine Regulierung vorhanden war. Und wer Geld verdient und es sich leisten kann, holt die Zahnregulierung eben in späteren Jahren nach.

Wenn wir essen gehen, müssen wir darauf achten, wie groß die Portionen sind. Meistens werden wir von einem Essen bestens gemeinsam satt (und ich esse echt gerne). Steaks gibt es nicht unter 250 g, sondern eher 300 g oder 500 g. (Ich weiß, bei manchen kommt der Neid auf!!) Dazu werden 2 - 3 Beilagen angeboten. Wir haben die Malzeiten für abends bereits eingestellt!

 

 

So, Ihr Lieben, jetzt hoffen wir, dass morgen das Auto repariert ist und wir endlich Richtung Bolivien fahren können.    

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Kommentare: 2
  • #1

    Franky (Sonntag, 06 November 2016 15:19)

    Ich hoffe Euer Auto ist wieder fit und die Reise kann weitergehen. Dennoch finde ich auch so eine Zwangspause sehr interessant und öffnet einen den Kontakt zu Einheimischen. Und schön das es dir wieder besser geht Peter.
    Gute Weiterreise Euch.
    Gruß frank

  • #2

    Brigitte und Caco (Donnerstag, 24 November 2016 19:09)

    Hallo Ihr Lieben,

    jetzt endlich melden wir uns bei Euch.
    Wir sind begeistert von Eurer Reise und Euren Erzählungen und Fotos!
    In diesen dunklen Nächten in Europa reisen wir besonders gerne mit Euch durch Südamerika. Unglaublich, was ihr alles seht und erlebt! Wir sind neidisch!
    Bitte passt auf Euch auf, besonders in der Höhe und schwimmt nicht zusammen mit den großen Alligatoren!
    Freuen uns auf weitere, interessante Berichte von Euch.
    Bei uns geht alles seinen gewohnten Gang. Ihr fehlt natürlich.
    Vor kurzem haben wir nach längerer Zeit wieder Emilia getroffen. Sie ist richtig gross geworden. Am Freitag feiern wir dann zusammen ihren 2. Geburtstag. Darauf freuen wir uns sehr. Vielleicht sehen wir uns dann per Skype.
    Also, amigos, hasta la proxima vez y un buon viaje

    Eure
    Brigitte und Caco

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